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Ihr mögt Sammelkartenspiele wie Magic: The Gathering, Hearthstone oder Legends of Runeterra, findet aber, dass viele moderne Vertreter des Genres etwas zu schnell und oberflächlich geworden sind? Dann solltet ihr euch Silberheim: Evolving Card Game genauer ansehen. Hinter dem Projekt steckt mit Beyond Worlds nämlich ein deutsches Entwicklerteam aus Landstuhl in der Pfalz, das sich vorgenommen hat, das klassische Sammelkartenspiel um einige interessante Mechaniken zu erweitern. Und nachdem ich inzwischen mehrere Stunden mit Silberheim verbracht habe, kann ich euch bereits sagen: Das Spiel ist alles andere als einfach, macht aber gerade wegen seiner zahlreichen taktischen Möglichkeiten durchaus Spaß.
Besonders interessant ist Silberheim für mich auch deshalb, weil wir hier eben nicht über den nächsten großen Publisher sprechen, der mit einem Millionenbudget versucht, Hearthstone Konkurrenz zu machen. Stattdessen arbeitet ein vergleichsweise kleines Team seit Jahren an einer eigenen Fantasy-Welt und möchte mit Silberheim nicht nur ein Kartenspiel veröffentlichen, sondern ein langfristig wachsendes Universum erschaffen.
Passend dazu könnt ihr Silberheim aktuell im Rahmen des Steam Next Fest vom 19. bis 26. Oktober 2026 kostenlos ausprobieren. Der eigentliche Release ist bereits für den 30. Oktober geplant. Ich habe mir eine Vorabversion ein wenig ausführlicher angesehen und möchte euch erklären, was Silberheim spielerisch besonders macht, weshalb man sich zunächst ordentlich einarbeiten muss und warum ich finde, dass dieses Projekt eure Aufmerksamkeit verdient hat.
Ein Sammelkartenspiel mit Anspruch
Grundsätzlich dürfte sich jeder, der schon einmal ein digitales Sammelkartenspiel gespielt hat, in Silberheim relativ schnell zurechtfinden. Wir stellen uns ein Deck aus verschiedenen Karten zusammen, treten gegen einen Gegner an und versuchen, durch geschickte Kombinationen und taktische Entscheidungen die Oberhand zu gewinnen. Dabei setzt Silberheim auf klassische rundenbasierte Kämpfe, in denen wir Kreaturen beziehungsweise Einheiten ausspielen, Fähigkeiten einsetzen und unsere Ressourcen verwalten müssen.
Bis hierhin klingt das natürlich noch nicht besonders aufregend. Schließlich bieten Hearthstone und zahlreiche andere Kartenspiele genau dieses Prinzip bereits seit vielen Jahren an. Der entscheidende Unterschied liegt allerdings darin, wie Silberheim sein Spielfeld aufbaut und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Während Hearthstone beispielsweise vergleichsweise überschaubare Regeln für die Positionierung seiner Kreaturen verwendet, besitzt Silberheim gleich drei unterschiedliche Reihen, die jeweils eigene Aufgaben übernehmen.
Da wäre zunächst die Versorgungsreihe, die hauptsächlich für unsere wirtschaftliche Grundlage interessant ist. Hier geht es darum, die notwendigen Ressourcen aufzubauen und Voraussetzungen für spätere Spielzüge zu schaffen. Die Verteidigungsreihe übernimmt dagegen eher unterstützende und schützende Aufgaben, während in der Angriffsreihe schließlich jene Einheiten stehen, die dem Gegner ordentlich einheizen sollen.
Das klingt zunächst nach einer überschaubaren Erweiterung des üblichen Kartenspielprinzips, verändert den eigentlichen Spielablauf allerdings ziemlich deutlich. Eine Karte ist eben nicht automatisch überall gleich sinnvoll. Vielmehr muss ich überlegen, welche Aufgabe sie innerhalb meiner Strategie übernehmen soll und an welcher Position sie den größten Nutzen bringt. Besonders interessant finde ich dabei, dass eine defensive Position nicht zwangsläufig bedeutet, dass eine Karte ausschließlich zum Blockieren gegnerischer Angriffe verwendet werden muss. Bestimmte Karten besitzen Fähigkeiten, mit denen sie beispielsweise zusätzliche Einheiten erzeugen oder andere Aktionen unterstützen. Dadurch können aus der Verteidigungsreihe heraus indirekt ziemlich aggressive Strategien entstehen.
Beispielsweise kann ich in der Verteidigungslinie eine Karte platzieren, die es mir erlaubt in jeder Runde eine Kreatur zum Fernkämpfer zu Machen und diesem einen kleinen Angriffs-boost verschaffen. In Kombination mit einer anderen Karte erhalten alle Fernkämpfer nun einen Defensivbonus, wodurch die Ursprünglich schwache Karte einiges im Spielverlauf bewegen kann. Genau hier merkt man, dass Silberheim eher auf Spieler abzielt, die gerne etwas länger über ihre Möglichkeiten nachdenken, statt möglichst schnell eine Runde abzuschließen. Ich muss nicht nur überlegen, welche Karte ich spiele, sondern auch, wann ich sie spiele, wie sie mit anderen Karten zusammenarbeitet und ob ich kurzfristig Druck erzeugen oder lieber zunächst meine eigene Position verbessern möchte.
Wer einfach nur seine stärkste Karte ausspielen und anschließend hoffen möchte, dass die Zahlen größer sind als beim Gegner, wird hier vermutlich relativ schnell auf die Nase fallen.

Kampfmoral, Nahrung und die richtige Strategie
Eine weitere Besonderheit ist das Ressourcensystem. Statt klassischem Mana verwendet Silberheim hauptsächlich sogenannte Kampfmoral. Diese benötigt ihr unter anderem, um eure Karten auszuspielen. Soweit ist das noch relativ vertraut, schließlich besitzt praktisch jedes größere Sammelkartenspiel irgendeine Ressource, die verhindert, dass wir bereits in der ersten Runde unsere komplette Hand auf das Spielfeld werfen.
Silberheim geht allerdings einen Schritt weiter und verwendet zusätzlich verschiedene Sekundärressourcen. Dazu gehört beispielsweise Nahrung, die wiederum für bestimmte Fähigkeiten oder das Erzeugen neuer Einheiten benötigt wird. Und gerade diese Kombination macht das Spiel für mich interessant.
Denn plötzlich reicht es nicht mehr, einfach nur möglichst viel Kampfmoral zu erzeugen. Stattdessen müsst ihr überlegen, welche Ressourcen eure gewünschte Strategie überhaupt benötigt. Ein Deck, das auf zahlreiche kleine Kreaturen setzt, kann andere Anforderungen besitzen als eines, das mit wenigen besonders mächtigen Einheiten arbeitet.
Damit bekommt der Deckbau einen zusätzlichen taktischen Aspekt. Ihr stellt nicht nur Karten zusammen, die möglichst viel Schaden verursachen, sondern müsst gleichzeitig dafür sorgen, dass deren Fähigkeiten auch zuverlässig eingesetzt werden können. Ein interessantes Beispiel dafür ist die Karte „Kisten voller Grünhäute“, die innerhalb der Silberheim-Community bereits eine gewisse Bekanntheit erlangt hat. Diese Karte kann unter Einsatz von Nahrung zusätzliche Goblins erzeugen, die anschließend in der Kampfreihe auftauchen und dem Gegner das Leben schwer machen.
Die Kisten selbst müssen dafür gar nicht aktiv angreifen. Sie übernehmen vielmehr eine unterstützende Rolle und sorgen dafür, dass nach und nach immer mehr kleine Kreaturen entstehen und wer das geschickt ausnutzt, kann versuchen, seinen Gegner schlicht mit Masse zu überwältigen.
Solche Mechaniken gefallen mir, weil sie den Wert einer Karte nicht allein über ihre Angriffs- und Verteidigungswerte definieren. Eine scheinbar unspektakuläre Unterstützungskarte kann plötzlich zum Mittelpunkt einer kompletten Strategie werden, sofern das restliche Deck entsprechend aufgebaut ist.
Genau das ist für mich einer der größten Reize klassischer Sammelkartenspiele. Es geht nicht ausschließlich darum, besonders seltene oder starke Karten zu besitzen, sondern darum, Kombinationen zu entdecken, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht offensichtlich sind. Silberheim scheint genau diesen Ansatz bewusst fördern zu wollen.
Allerdings bedeutet das auch, dass die Lernkurve relativ steil ausfällt. Gerade am Anfang muss man sich mit zahlreichen Begriffen, Kartenfähigkeiten und unterschiedlichen Ressourcen beschäftigen. Während Hearthstone viele seiner Regeln bewusst vereinfacht hat, setzt Silberheim eher darauf, dass sich Spieler intensiver mit seinen Mechaniken auseinandersetzen. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, dürfte aber dafür sorgen, dass der Einstieg nicht jedem gleichermaßen leichtfällt.

Eine Partie kann durchaus 30 Minuten dauern
Was mir während meiner bisherigen Spielzeit besonders aufgefallen ist, ist das vergleichsweise langsame Tempo. Nach meiner Erfahrung dauert eine Runde Silberheim ungefähr 30 Minuten. Natürlich kann das abhängig von Deck, Gegner und Spielweise variieren, aber ihr solltet euch darauf einstellen, dass Silberheim nicht unbedingt ein Spiel für die schnelle Fünf-Minuten-Pause ist.
Gerade wer Hearthstone oder Marvel Snap gespielt hat, kennt deutlich kürzere Partien. Dort geht es häufig darum, innerhalb weniger Minuten eine Strategie umzusetzen und anschließend direkt in die nächste Runde zu starten. Silberheim funktioniert anders. Hier braucht man Zeit, um seine Position aufzubauen, Karten sinnvoll zu kombinieren und auf die Spielweise des Gegners zu reagieren.
In meinen bisherigen Stunden mit dem Spiel habe ich deshalb auch relativ schnell festgestellt, dass unüberlegte Entscheidungen unangenehme Folgen haben können. Wer seine Ressourcen zu früh ausgibt oder seine Einheiten ungünstig positioniert, kann sich damit einen erheblichen Nachteil einhandeln. Besonders bitter ist das natürlich dann, wenn man bereits 20 Minuten in einer Partie steckt und plötzlich bemerkt, dass man vor 10 Minuten einen Fehler gemacht hat, der sich erst jetzt offenbart.
Auf der anderen Seite sorgt genau diese Länge dafür, dass sich erfolgreiche Entscheidungen befriedigender anfühlen. Wenn ich mir über mehrere Runden eine bestimmte Kombination aufgebaut habe und diese schließlich tatsächlich funktioniert, ist das schon ein schönes Gefühl. Ich würde Silberheim deshalb auch nicht unbedingt mit Marvel Snap vergleichen, sondern eher mit den komplexeren Varianten klassischer Sammelkartenspiele. Hier stehen nicht schnelle Erfolgserlebnisse im Vordergrund, sondern das langfristige Planen und Optimieren einer Strategie. Deshalb sollte man einiges an Geduld mitbringen, wenn man Silberheim ausprobieren möchte.
Auch wenn es um den Ansatz des „Evolving“ Card Game geht ist Geduld notwendig, da es durchaus einiges an Spielzeit braucht, bis das Feature greift und Karten sich weiterentwickeln. Laut Entwicklern ist das eine bewusste Designentscheidung, da hierin die Langzeitmotivation dieses eher auf PVE ausgerichteten Spiels liegen soll.

Schwieriger Einstieg, aber der Ehrgeiz ist schnell geweckt
Ich möchte an dieser Stelle auch gar nicht verschweigen, dass ich Silberheim während meiner bisherigen Spielzeit als ziemlich schwierig empfunden habe. Das liegt weniger daran, dass einzelne Mechaniken für sich genommen besonders kompliziert wären. Vielmehr ist es die Kombination aus Ressourcenverwaltung, Kartenfähigkeiten, Positionierung und Deckzusammenstellung, die zunächst einiges an Aufmerksamkeit verlangt. Man muss sich regelrecht in das Spiel hineinarbeiten.
Gerade in den ersten Partien kann es passieren, dass man zwar grundsätzlich versteht, was eine Karte macht, aber noch nicht richtig einschätzen kann, wie wertvoll diese Fähigkeit in einer bestimmten Situation tatsächlich ist. Eine Karte lesen zu können bedeutet schließlich noch lange nicht, sie auch sinnvoll einzusetzen.
Hier erinnert mich Silberheim stellenweise an die Anfangszeit von Magic: The Gathering. Auch dort benötigt man zunächst ein gewisses Grundverständnis, bevor sich die wirklich interessanten Möglichkeiten offenbaren. Wer bereits viel Erfahrung mit komplexeren Kartenspielen besitzt, dürfte sich deshalb schneller zurechtfinden. Für komplette Neueinsteiger könnte Silberheim dagegen zunächst ziemlich erschlagend wirken.
Gerade das Tutorial und die allgemeine Vermittlung der Spielmechaniken sind deshalb aus meiner Sicht entscheidende Bereiche, in denen die Entwickler möglichst viel Wert auf Verständlichkeit legen sollten. Wenn ein Spiel bewusst komplex sein möchte, muss es diese Komplexität auch vernünftig erklären und das Tutorial sowie die Szenarien die ich spielen konnte waren zwar verständlich, lassen aber auch reichlich Lücken, die man sich selbst erschließen muss.
Trotzdem hat Silberheim bei mir einen durchaus positiven Eindruck hinterlassen. Denn anders als bei manchen Spielen, die einfach nur unnötig kompliziert wirken, hatte ich hier das Gefühl, dass hinter den Mechaniken tatsächlich interessante Entscheidungen stecken. Nach einer verlorenen Partie möchte ich nicht unbedingt sofort aufgeben, sondern eher überlegen, was ich beim nächsten Versuch anders machen könnte. War mein Deck insgesamt zu langsam beim Beschwören von Geschöpfen? Ist das Deck gut genug und ich habe lediglich die falsche Herangehensweise gewählt? Habe ich meine Ressourcen wirklich optimal genutzt? Genau solche Überlegungen mache ich mir nach einer verlorenen Partie und das macht für mich den Reiz eines guten Strategiespiels aus.

Was ist ein ECG?!
Die vermutlich interessanteste Idee von Silberheim steckt allerdings bereits im Namen und wurde von mir auch schon kurz angeschnitten. Die Entwickler bezeichnen ihren Titel nicht einfach als Collectible Card Game, sondern als Evolving Card Game. Der Unterschied besteht darin, dass sich eure Karten im Laufe der Zeit individuell weiterentwickeln können.
In Silberheim werden die Karten als Fragmente bezeichnet und besitzen die Möglichkeit, sich durch bestimmte Handlungen und Erfahrungen zu verändern. Dabei soll nicht jede Karte bei jedem Spieler dieselbe Entwicklung durchlaufen. Das bedeutet, dass zwei Spieler ursprünglich dieselbe Karte besitzen können, diese sich später aber unterschiedlich entwickelt. Und genau diese Idee finde ich ausgesprochen spannend.
Klassische Sammelkartenspiele funktionieren schließlich häufig über relativ starre Kartenwerte. Eine bestimmte Karte besitzt festgelegte Eigenschaften und bleibt grundsätzlich identisch, unabhängig davon, wer sie verwendet. Natürlich können neue Erweiterungen das Balancing verändern und unterschiedliche Decks den Wert einzelner Karten beeinflussen, aber die Karte selbst bleibt in ihrer ursprünglichen Form bestehen. Silberheim möchte diesen Ansatz aufbrechen.
Stattdessen soll eure Spielweise Einfluss darauf nehmen, wie sich einzelne Fragmente entwickeln und welche zusätzlichen Möglichkeiten sie schließlich bieten. Das könnte langfristig dafür sorgen, dass Kartensammlungen wesentlich individueller werden. Selbst wenn zwei Spieler mit ähnlichen Ausgangsdecks beginnen, müssen sie am Ende nicht zwangsläufig dieselben Möglichkeiten besitzen.
Besonders interessant ist dabei, dass die konkreten Bedingungen für eine Weiterentwicklung nicht vollständig offengelegt werden. Spieler sollen also nicht einfach eine Checkliste abarbeiten können, um möglichst schnell an die beste Version einer Karte zu gelangen. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Spielweisen auszuprobieren und dabei möglicherweise neue Entwicklungen zu entdecken.
Ob dieses System langfristig tatsächlich so gut funktioniert, wie es auf dem Papier klingt, muss sich natürlich erst zeigen. Gerade in kompetitiven Kartenspielen entstehen schließlich ziemlich schnell optimale Strategien, die von großen Teilen der Community übernommen werden. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass irgendwann bestimmte Kartenentwicklungen besonders gefragt sind und Spieler versuchen, diese möglichst gezielt herbeizuführen. Aber die Zeit wird zeigen, wie steuerbar das Ganze am ende wirklich sein wird.
Trotzdem halte ich diesen Ansatz für eine der spannendsten Ideen von Silberheim. Er verleiht der eigenen Sammlung eine zusätzliche Bedeutung und sorgt dafür, dass Karten nicht ausschließlich austauschbare Werkzeuge innerhalb eines Decks bleiben. Gerade für Spieler, die gerne experimentieren und ihre eigene Strategie entwickeln, könnte das langfristig ein echter Motivationsfaktor werden.

Karten sammeln, ohne ständig Booster kaufen zu müssen
Ein weiterer Punkt, der mir an Silberheim gefällt, betrifft das Geschäftsmodell. Digitale Sammelkartenspiele haben schließlich häufig ein Problem: Wer möglichst viele unterschiedliche Decks ausprobieren möchte, benötigt eine entsprechend große Kartensammlung. Und die wird in vielen Spielen entweder durch enorm viel Grinding oder durch den Einsatz von Echtgeld aufgebaut.
Silberheim möchte hier einen etwas anderen Weg einschlagen. Kartenpakete werden erspielt und nicht verkauft. Die Entwickler werben ausdrücklich damit, dass die eigene Sammlung durch das Spielen wächst und nicht dadurch, dass man möglichst viele Booster mit Echtgeld kauft. Das ist ein sympathischer Ansatz von dem ich hoffe, dass er langfristig beibehalten wird.
Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass die Progression perfekt ausbalanciert sein wird. Auch ein Spiel ohne kaufbare Booster kann Spieler theoretisch mit langwierigen Freischaltungen beschäftigen. Wie schnell sich eine umfangreiche Kartensammlung tatsächlich aufbauen lässt, wird man deshalb erst über einen längeren Zeitraum vernünftig beurteilen können.
Trotzdem begrüße ich die grundsätzliche Entscheidung. Gerade bei einem Spiel, das so stark auf kreative Deckzusammenstellung setzt, wäre es ziemlich schade, wenn ein großer Teil der interessanten Karten hinter zusätzlichen Echtgeldkäufen verschwinden würde. Geplant sind bezüglich Monetarisierung optionale kostenpflichtige Erweiterungen, diese sollen aber nicht dazu führen, dass die ursprüngliche Sammlung ihren Wert verliert. Zumindest ist das der erklärte Anspruch der Entwickler. Ob sich dieses Versprechen auf Dauer halten lässt, muss sich zeigen. Wer schon länger Sammelkartenspiele spielt, weiß schließlich, wie schwierig es ist, hunderte unterschiedlicher Karten vernünftig auszubalancieren.
Und wer sich in der Gaminglandschaft auskennt weiß, wie viele eigentlich gute Spiele durch eine falsche Monetarisierung zugrunde gerichtet wurde. Meine Daumen sind gedrückt, dass Beyond Worlds hier einen funktionierenden Weg findet.

Karten aus einem eigenen Fantasy Universum
Neben dem eigentlichen Gameplay besitzt Silberheim noch eine weitere Besonderheit: Hinter dem Kartenspiel steckt eine umfangreiche Fantasy-Welt, die bereits seit mehreren Jahren entwickelt wird. Das Spiel ist also nicht einfach nur eine Sammlung unterschiedlicher Kreaturen, die zufällig auf einem Schlachtfeld gegeneinander antreten. Stattdessen bildet die Welt Silberheim den Hintergrund für zahlreiche Figuren, Kreaturen, Orte und Geschichten. Dazu gehören auch Romane und weitere Erzählungen, die denselben Fantasy-Kosmos erweitern.
Innerhalb des Spiels beginnen wir als körperlose Seele in der sogenannten Seelenkammer. Unser Ziel besteht darin, uns zu beweisen und schließlich eine Wiedergeburt auf dem Planeten Midoa zu erreichen. Die Spielkarten selbst repräsentieren dabei Fragmente vergangener Erinnerungen.
Das klingt zunächst ein wenig abgespaced, passt aber erstaunlich gut zum Konzept der sich entwickelnden Karten. Wenn die Fragmente Erinnerungen und Erfahrungen darstellen, ergibt es innerhalb der Spielwelt durchaus Sinn, dass sich diese durch unsere Handlungen verändern.
Für das eigentliche Gameplay ist das natürlich nicht zwingend notwendig. Man kann Silberheim problemlos spielen, ohne sich zuvor durch Romane und umfangreiche Hintergrundgeschichten gearbeitet zu haben. Trotzdem finde ich es positiv, dass Beyond Worlds seiner Spielwelt eine eigene Identität geben möchte.
Gerade kleinere Kartenspiele haben häufig das Problem, dass ihnen die Wiedererkennbarkeit fehlt. Magic besitzt sein riesiges Multiversum, Hearthstone greift auf Warcraft zurück und Pokémon muss wohl niemandem mehr erklären. Silberheim muss sich diese Identität erst erarbeiten. Die bereits vorhandene Fantasy-Welt könnte dabei helfen, sofern es gelingt, ihre Figuren und Geschichten auch innerhalb des Spiels interessant zu präsentieren.

Ein Team aus der Pfalz, das Unterstützung verdient
Besonders erwähnenswert finde ich auch die Herkunft des Projekts. Hinter Silberheim steht mit Beyond Worlds ein deutsches Entwicklerteam aus Landstuhl in der Pfalz. Das Unternehmen wurde 2020 gegründet, während die Ursprünge des Kartenspiels sogar noch weiter zurückreichen.
Was heute als vergleichsweise umfangreiches digitales Sammelkartenspiel erscheint, begann ursprünglich mit einem einfachen Prototypen, der teilweise über Tabellen organisiert wurde. Inzwischen ist daraus ein deutlich größeres Projekt entstanden, an dem Entwickler, Autoren und Künstler gemeinsam arbeiten. Und genau solche Geschichten mag ich.
In einer Branche, in der wir ständig über riesige Publisher, Milliardenbudgets und die nächste große Übernahme sprechen, gehen kleinere Entwicklerteams häufig unter. Dabei sind es gerade solche Projekte, die manchmal interessante Ideen verfolgen, für die bei großen Unternehmen schlicht kein Platz wäre.
Silberheim versucht nicht, mit noch spektakuläreren Effekten oder bekannten Marken Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern setzt auf komplexe Spielmechaniken und eine eigenständige Fantasy-Welt. Dass dahinter ein Team aus der Pfalz steckt, macht das Ganze für mich zusätzlich sympathisch. Wir reden schließlich nicht über ein anonymes internationales Großprojekt, sondern über Entwickler aus Deutschland, die über Jahre hinweg an ihrer eigenen Idee gearbeitet haben.
Natürlich bedeutet das nicht, dass man einem Spiel sämtliche Schwächen verzeihen sollte, nur weil es aus der eigenen Region stammt. Aber ich finde durchaus, dass solche Projekte eine faire Chance verdienen. Und genau deshalb ist das Steam Next Fest eine hervorragende Gelegenheit, sich selbst ein Bild von Silberheim zu machen.

PvP, PvE und eine Community, die mitgestalten kann
Silberheim möchte sich übrigens nicht ausschließlich auf klassische Duelle zwischen zwei Spielern beschränken. Neben PvP-Kämpfen sind auch PvE-Abenteuer und verschiedene Community-Events vorgesehen. Dadurch sollen unterschiedliche Spielertypen angesprochen werden. Wer gerne kompetitiv spielt, kann seine selbst zusammengestellten Decks gegen andere Spieler testen. Wer dagegen lieber in Ruhe experimentiert, findet auch Möglichkeiten, sich mit computergesteuerten Gegnern beziehungsweise PvE-Inhalten auseinanderzusetzen.
Gerade Letzteres halte ich für wichtig. Komplexe Kartenspiele können schließlich ziemlich abschreckend sein, wenn man direkt nach dem Tutorial gegen Menschen antreten muss, die bereits jede Karte und sämtliche möglichen Kombinationen auswendig kennen. PvE-Inhalte bieten die Gelegenheit, neue Decks auszuprobieren und sich zunächst mit den Mechaniken vertraut zu machen.
Die Entwickler möchten außerdem die Community stärker in die langfristige Entwicklung der Spielwelt einbeziehen. Bereits während früherer Testphasen gab es beispielsweise Fraktionswettbewerbe und besondere Aktionen. Für die Zukunft sind zusätzliche Karten, Spielmodi und Erweiterungen geplant. Auch neue Fraktionen sollen hinzukommen.
Das alles klingt vielversprechend, ist allerdings zunächst einmal eine Zukunftsperspektive. Gerade bei kleineren Projekten würde ich immer dazu raten, zuerst das bereits vorhandene Spiel zu beurteilen und nicht ausschließlich die ambitionierte Roadmap. Denn Pläne sind bekanntlich schnell gemacht. Entscheidend ist, was am Ende tatsächlich umgesetzt wird.
Immerhin haben die Entwickler bereits gezeigt, dass sie aktiv mit ihrer Community kommunizieren und Rückmeldungen aus den Testphasen aufnehmen. Vielleicht die wichtigste Voraussetzung für ein Spiel dieser Art.

Mein Fazit: Ein schwieriges, aber interessantes Kartenspiel
Silberheim ist für mich bislang eines dieser Spiele, bei denen man nicht nach zehn Minuten entscheiden sollte, ob sie einem gefallen. Dafür steckt einfach zu viel in den Mechaniken. Ich habe mehrere Stunden damit verbracht und bin trotzdem noch längst nicht an dem Punkt, an dem ich behaupten würde, sämtliche Zusammenhänge vollständig verstanden zu haben. Besonders die unterschiedlichen Ressourcen, Kartenkombinationen und taktischen Möglichkeiten verlangen einiges an Einarbeitung.
Manchmal ist das anstrengend, manchmal verliert man eine Partie und fragt sich anschließend, ob man überhaupt jemals eine vernünftige Strategie entwickeln wird. und manchmal funktioniert plötzlich genau jene Kombination, die man sich mehrere Runden lang mühsam aufgebaut hat.
Mit einer durchschnittlichen Partiedauer von ungefähr 30 Minuten gehört das Spiel nach meiner Erfahrung sicherlich nicht zu den schnellsten Vertretern seines Genres. Dafür besitzt jede Runde genügend Raum für taktische Entscheidungen und unterschiedliche Herangehensweisen. Mein bisheriger Eindruck ist deshalb eindeutig positiv, auch wenn Silberheim alles andere als einsteigerfreundlich wirkt.
Besonders gefällt mir, dass Beyond Worlds nicht einfach versucht, die bekannten Mechaniken anderer Sammelkartenspiele zu kopieren. Das Entwicklerteam möchte eigene Akzente setzen und besitzt mit dem Evolving-System tatsächlich eine Idee, die langfristig spannend werden könnte.
Ob das Balancing, die Kartenentwicklung und der Umfang über viele Monate hinweg funktionieren, muss sich natürlich erst noch zeigen. Dafür ist es aktuell schlicht zu früh.
Silberheim könnt ihr aktuell während des Steam Next Fest vom 19. bis 26. Oktober 2026 kostenlos ausprobieren. Der offizielle Release ist für den 30. Oktober 2026 geplant. Wer etwas für komplexere Kartenspiele übrig hat, sollte die Gelegenheit nutzen und dem Titel eine Chance geben. Rechnet allerdings damit, dass ihr nicht sofort sämtliche Mechaniken versteht und eine Partie durchaus ein wenig Zeit beanspruchen kann.
Mich hat Silberheim jedenfalls neugierig gemacht. Und ganz nebenbei unterstützt ihr mit eurer Aufmerksamkeit ein ambitioniertes deutsches Entwicklerteam aus der Pfalz, das sichtbar viel Arbeit und Begeisterung in sein Projekt gesteckt hat. Nicht jedes interessante Kartenspiel muss schließlich aus den USA oder Asien kommen. Manchmal reicht auch ein kleines Team mit Herz, das einfach eine ziemlich große Idee hat.
Lasst mich in den Kommentaren wissen, was euer Eindruck von Silberheim ist. Und falls ihr aktuell lieber auf physische Sammelkartenspiele setzt, ist es vielleicht gut zu wissen, wie ihr gefälschte Pokemon Boosterpacks erkennen könnt, welche teilweise für sehr viel Geld gehandelt werden.
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